Karl May in seinem Arbeitszimmer

KARL MAY

(1842–1912)

 

Karl May im Orient


Jahr

Biographische Ereignisse

Wohnort

1842

Carl Friedrich May wird am Freitag, den 25. Februar 1842, 22 Uhr, als Untertan des Adelsgeschlechts Schönburg-Hinterglauchau (ab 1878 zum Königreich Sachsen gehörend) geboren und am nächsten Tag in der evgl.-luth. Kirche St. Trinitatis zu Ernstthal getauft. Die Paten sind der Webermeister Carl Gottlob Planer (1792–1859), die Jungfrau Chr. Friederike Esche (Lebensdaten unbekannt), und der Schmiedegeselle Christian Friedrich Weißpflog (1819–1894). Er ist das 5. Kind des 32-jährigen Webers Heinrich August May und dessen 27-jähriger Frau Christiane Wilhelmine geb. Weise. Im Hause May herrscht größtes Elend – bittere Armut, manchmal gar Hungersnot. Von seinen vier Geschwistern lebt nur noch die vierjährige Auguste Wilhelmine.
  
Geburtshaus

   In diesem Jahr »war ein sehr trockener und heißer Sommer. Von der Saatzeit an hat es 6 bis 7 Wochen gar nicht geregnet und ist beinahe den ganzen Sommer in hiesiger Gegend kein Gewitter mit Regen gewesen. Es trat allgemeiner Wassermangel ein, so daß vieles Korn nicht gemahlen werden konnte und daher bloß geschrotet wurde. … Das Vieh mußte außerordentlich leiden und viele Rinder wurden fast ganz dürr und mager dahin geschlachtet. …«

Ernstthal,
Niedergasse 122
(heute Karl-May-Haus)

1843

Es entsteht »wegen Mangel an Schlachtvieh [ein] hoher Preis des Fleisches. …«
   Die Zustände im ›Weberelend‹ sind mit heutigen Verhältnissen in den Entwicklungsländern vergleichbar – ideale Voraussetzungen für Vitamin-Mangel-Erkrankungen und Infektionen; dies wird für Karl May zum Verhängnis.

Ernstthal,
Niedergasse 122
1844

28. Mai: Geburt von Karl Mays Schwester Christiane Wilhelmine, der späteren Frau Schöne. In Hohenstein und Ernstthal herrscht immer größere Hungersnot:
   »Ja es sind neuerdings in der That Fälle hier vorgekommen, daß Menschen, die sich zu betteln schämten, buchstäblich verhungert sind. Denn es ist, besonders in kinderreichen Familien, gar nicht selten, daß oft mehrere Tage lang kein Bissen Brod zu zehren ist und einige Kartoffeln in Maßen gekocht und mit Salz genossen, machen oft das einzige Nahrungsmittel dieser Unglücklichen aus. Aber in gar vielen Familien sind auch die Kartoffeln schon aufgezehrt, oder gehen auf die Neige, und dann ist völliges Hungerleiden und Betteln unvermeidlich. … Es ist in der That herzergreifend, diese Bejammernswerthen mit bleichen abgehärmten Gesichtern, mit trüben eingefallenen Augen, aus denen jeder Funke Lebensfreude verloschen ist, … Schatten ähnlich umherschleichen sehen zu müssen, …«
   Vitamin-A-Mangel verursacht bei Karl May mit großer Wahrscheinlichkeit eine Nachtblindheit (Blindheit bei schlechten Lichtverhältnissen, Dämmerungsblindheit). Nicht auszuschließen ist darüber hinaus ein vorübergehender Vitamin-D-Mangel, der in den ersten Lebensmonaten zu einer Schädeldeformation (Vierkantschädel und Quadratstirn) geführt haben könnte.

Ernstthal,
Niedergasse 122
1845

Karl Mays Zustand verschlimmert sich: Seine Augenlider sind geschlossen und geschwollen, ein entzündlicher Blepharospasmus (Lidkrampf) folgt. Er kann längere Zeit die Augen nicht öffnen. Er ist somit blind (funktionelle Blindheit) und verlernt das Sehen. An vorherige Seherfahrungen kann er sich später nicht erinnern. Gute Ärzte sind nicht bezahlbar, es gibt noch keine Krankenkassen. May beklagt sich in seiner Selbstbiografie Mein Leben und Streben (in den Gesammelten Werken in Band »Ich« enthalten) über die verderbliche Medikasterei, der er zum Opfer fällt. Sehr wahrscheinlich werden seine geschlossenen Augenlider völlig sinnlos mit Salben und einer Augenbinde behandelt; die ohnehin geringe Chance, vielleicht kurzzeitig sehen zu können, wird damit völlig vertan.
   Ich konnte die Personen und Gegenstände wohl fühlen, hören, auch riechen; aber das genügte nicht, sie mir wahr und plastisch darzustellen. Ich konnte sie mir nur denken. Wie ein Mensch, ein Hund, ein Tisch aussieht, das wußte ich nicht; ich konnte mir nur innerlich ein Bild davon machen, und dieses Bild war seelisch. Wenn jemand sprach, hörte ich nicht seinen Körper, sondern seine Seele. Nicht sein Aeußeres, sondern sein Inneres trat mir näher.
   Karl befindet sich in der ständigen Obhut seiner Großmutter Johanne Christiane May, der Mutter des Vaters. Sie beeinflusst mit ihrer Märchenromantik die Gedanken- und Gefühlswelt des Knaben. Die folgenden Monate werden zur Quelle von Mays überreicher Fantasie. 
   Umzug in das Haus des Webers Carl August Knobloch.
Am 15. August beginnt für Mays Mutter eine sechsmonatige Hebammen-Ausbildung. 

Ernstthal,
Marktplatz 183
1846

13. Februar: An der Chirurgisch-Medizinschen Akademie (Kurländer Palais) in Dresden besteht Mays Mutter die Hebammenprüfung mit der Note »vorzüglich gut«. Dort werden auch die Augen ihres blinden Knaben von den Professoren Haase und Grenser erfolgreich ›behandelt‹ (eine Operation ist aus medizinischen Gründen ausgeschlossen) – Karl May lernt sehen (Ölbild von Torsten Hermann).
    
Karl May mit blauer Brille

   Es gab für mich nur Seelen, nichts als Seelen. Und so ist es geblieben, auch als ich sehen gelernt hatte, von Jugend an bis auf den heutigen Tag. Das ist der Unterschied zwischen mir und anderen. Das ist der Schlüssel zu meinen Büchern. Das ist die Erklärung zu allem, was man an mir lobt, und zu allem, was man an mir tadelt. Nur wer blind gewesen ist und wieder sehend wurde, und nur wer eine so tief gegründete und so mächtige Innenwelt besaß, daß sie selbst dann, als er sehend wurde, für lebenslang seine ganze Außenwelt beherrschte, nur der kann sich in Alles hineindenken, was ich plante, was ich tat und was ich schrieb, und nur der besitzt die Fähigkeit, mich zu kritisieren, sonst keiner!
   Am 19. März wird Mays Mutter als Hebamme von Ernstthal verpflichtet.

Ernstthal,
Marktplatz 183
1847

Karl May wird aus der Märchenwelt seiner Großmutter gerissen. Grausame Erziehungsmethoden des Vaters erschüttern fortan Mays Psyche:
   Am Webstuhl hing ein dreifach geflochtener Strick, der blaue Striemen hinterließ, und hinter dem Ofen steckte der wohlbekannte »birkene Hans«, vor dem wir Kinder uns besonders scheuten, weil Vater es liebte, ihn vor der Züchtigung im großen »Ofentopfe« einzuweichen, um ihn elastischer und also eindringlicher zu machen.
   2. Juni: Geburt seiner Schwester Ernestine Pauline.

Ernstthal,
Marktplatz 183
1848

Ostern: Karl May wird eingeschult. Die Klassen in der Ernstthaler Volksschule sind überfüllt; ein Lehrer hat ca. 90 Schüler zu unterrichten. Was Karl dort nicht lernt, bläut ihm sein Vater ein; der Junge solle es doch mal besser haben. In diesem Sinne muss Karl in den nächsten Jahren unzählige, teils wissenschaftliche Bücher lesen, die ihm sein Vater verordnet. Die wenige Freizeit verbringt Karl bei seinem Paten, dem weit gereisten Schmied Christian Weißpflog, und lauscht dessen exotischen Geschichten.

Ernstthal,
Marktplatz 183
1849

Karl May wird Trommeljunge bei der 7. Schützenkompanie Ernstthals, in der sein Vater als Gefreiter dient. Sein Vater exerziert und drillt ihn in diversen Kriegsspielen.
   9. Juni: Geburt von Mays Schwester Karoline Wilhelmine, der späteren Frau Selbmann.

Ernstthal,
Marktplatz 183
1850

Ferrys ›Le Coureur des Bois‹ [Der Waldläufer] erscheint, den May neunundzwanzig Jahre später für die Jugend umgestalten wird.

Ernstthal,
Marktplatz 183
1851

Vermutlich in diesem Jahr: Umzug in das Haus des Webermeisters Selbmann.
Puppentheater in Ernstthal:
   Da kam ein Tag, an dem sich mir eine Welt offenbarte, die mich seitdem nicht wieder losgelassen hat. Es gab Theater. Zwar nur ein ganz gewöhnliches, armseliges Puppentheater, aber doch Theater. Das war im Webermeisterhause. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei Groschen, dritter Platz einen Groschen, Kinder die Hälfte. Ich bekam die Erlaubnis, mit Großmutter hinzugehen. Das kostete fünfzehn Pfennige für uns beide. Es wurde gegeben: »Das Müllerröschen oder die Schlacht bei Jena.« Meine Augen brannten; ich glühte innerlich. Puppen, Puppen, Puppen! Aber sie lebten für mich. [Mein Leben und Streben, S. 55.]
   7. April: Geburt des Bruders Heinrich Wilhelm; er stirbt bereits wenige Monate später am 20. September. Am 30. November stirbt Christiane Friederike Weise, Mays Großmutter mütterlicherseits, 64-jährig.

Ernstthal,
Marktplatz 185
1852

16. August: Mays Schwester Anna Henriette wird geboren; auch sie stirbt viel zu früh, wenige Wochen alt, am 4. September.

Ernstthal,
Marktplatz 185
1853

Der gravierende Erziehungsfehler, den Mays Vater beging, seinem Sohn ›Wissen‹ einzuhämmern, dürfte in diesem Jahr einen ersten Höhepunkt erreicht haben. Karl May schreibt unter der so treffenden Kapitelüberschrift Keine Jugend in seiner Selbstbiographie:
   Er holte allen möglichen sogenannten Lehrstoff zusammen, ohne zu einer Auswahl befähigt zu sein oder eine geordnete Reihenfolge bestimmen zu können. Er brachte Alles, was er fand, herbei. Ich mußte es lesen oder gar abschreiben, weil er meinte, daß ich es dadurch besser behalten könne. Was hatte ich da Alles durchzumachen! Alte Gebetbücher, Rechenbücher, Naturgeschichten, gelehrte Abhandlungen, von denen ich kein Wort verstand. Eine Geographie Deutschlands aus dem Jahre 1802, über 500 Seiten stark, mußte ich ganz abschreiben, um mir die Ziffern leichter einzuprägen. Die stimmten natürlich längst nicht mehr! Ich saß ganze Tage und halbe Nächte lang, um mir dieses wüste, unnötige Zeug in den Kopf zu packen. Es war eine Verfütterung und Ueberfütterung sondergleichen. [Mein Leben und Streben, S. 53]  

Ernstthal,
Marktplatz 185
1854

Karl May erhält privaten Sprachunterricht, der von ihm selbst finanziert wird. Inzwischen zwölfjährig, muss er in der Schankwirtschaft Engelhardt im benachbarten Hohenstein als Kegelbub arbeiten – manchmal bis nach Mitternacht! Dort verfällt er der Leihbibliothek: ›Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann‹ – ›Himlo Himlini, der Räuberhäuptling in Spanien …‹ – ›Sallo Sallini, der furchtbarste Räuberhauptmann …‹, heißen seine Helden und werden ihm zum Traumideal.
   5. Mai: Geburt seines Bruders Karl Hermann, der bereits am 15. August stirbt.

Ernstthal,
Marktplatz 185
1855

3. Juli: Mays Bruder Karl Heinrich wird geboren; auch dieses Kind stirbt nach kurzer Zeit am 30. Oktober.

Ernstthal,
Marktplatz 185
1856

Realitätsflucht!
   Das Buch, in dem ich gelesen hatte, führte den Titel »Die Räuberhöhle an der Sierra Morena oder der Engel aller Verdrängten«. Als Vater nach Hause gekommen und dann eingeschlafen war, stieg ich aus dem Bett, schlich mich aus der Kammer und zog mich an. Dann schrieb ich einen Zettel: »Ihr sollt euch nicht die Hände blutig arbeiten; ich gehe nach Spanien; ich hole Hilfe!« Diesen Zettel legte ich auf den Tisch, steckte ein Stück trockenes Brot in die Tasche, dazu einige Groschen von meinem Kegelgeld, stieg die Treppe hinab, öffnete die Tür, atmete da noch einmal tief und schluchzend auf, aber leise, leise, damit ja niemand es höre, und ging dann gedämpften Schrittes den Marktplatz hinab und die Niedergasse hinaus, den Lungwitzer Weg, der über Lichtenstein nach Zwickau führte, nach Spanien zu, nach Spanien, dem Lande der edlen Räuber, der Helfer aus der Not. – – – [Mein Leben und Streben, S. 79]
   Karl kommt nicht weit, sein besorgter Vater holt ihn heim.
Nie habe ich deutlicher gefühlt wie damals, wie lieb er mich eigentlich hatte. [S. 93]
   Palmsonntag, 16. März: Karl May wird konfirmiert.
   Michaelis, 29. September: Er wird Proseminarist im Lehrerseminar zu Waldenburg.
    Der Unterricht war kalt, streng, hart. Es fehlte ihm jede Spur von Poesie. Anstatt zu beglücken, zu begeistern, stieß er ab. Die Religionsstunden waren diejenigen Stunden, für welche man sich am allerwenigsten zu erwärmen vermochte. [S. 95]
   Am 22. November wird Emma Lina Pollmer, Mays erste Ehefrau, in Hohenstein geboren; ihre Mutter stirbt am 4. Dezember an Kindbettfeber.

Ernstthal,
Marktplatz 185

Waldenburg

1857

Karl May verliebt sich in die fünfzehnjährige Anna Preßler aus Ernstthal. Er dichtet und komponiert Liebeslieder, die er ihr auf der Gitarre vorspielt:

Von Dir geschieden,
Bin ich bei Dir
Und wo Du weilest,
Bist Du bei mir.

Von Dir zu lassen,
Vermag ich nicht,
Weil Du mein Alles,
Mein Lebenslicht!

21. November: Mays Schwester Maria Lina wird geboren; sie stirbt am 13. Dezember.

Waldenburg
1858

Im Juli heiratet Anna Preßler, 16-jährig, den Krämer Carl Hermann Zacharias, von dem sie ein Kind erwartet. Der Schmerz sitzt tief in Karl May, er wird dies sehr lange nicht verwinden.
   May schreibt seine erste Indianergeschichte und schickt sie an die ›Gartenlaube‹. Ernst Keil, der Herausgeber, lehnt dieses – heute verschollene – Frühwerk ab.

Waldenburg
1859

Im November ist May ›Lichtwochner‹ am Seminar Waldenburg. Bei dieser Gelegenheit veruntreut er sechs Kerzen, die er wohl für den Christbaum im armseligen Elternhaus verwenden will. Am 21. und 22. Dezember wird diese Angelegenheit vom Seminardirektor Schütze untersucht.

Waldenburg
1860

28. Januar: Ausschluss aus dem Lehrerseminar.
   4. März: Mays Schwester Emma Maria wird geboren; sie stirbt am 5. August.
   6. März: Unterstützt vom Ernstthaler Pfarrer Schmidt, richtet May ein Gnadengesuch an das sächsische Kultusministerium. Seminardirektor Schütze, der seine Härte inzwischen bedauert, leistet Fürsprache.
   4. Juni: May darf seine Ausbildung im Lehrerseminar zu Plauen fortsetzen. Dort leidet er, wie viele seiner Mitschüler, unter Bespitzelungen der Schulleitung; man interessiert sich für das sexuelle Intimleben der Schüler.

Ernstthal,
Marktplatz 185

Plauen

1861

9., 10. und 12. September: May absolviert seine Abschlussprüfung.
   13. September: Sein Abgangszeugnis hat die Gesamtnote »gut«.
   Nur vom 7. Oktober bis zum 19. Oktober ist May als Hilfslehrer in Glauchau tätig. Es kommt zu einer Eifersuchtsszene mit seinem Zimmervermieter Ernst Theodor Meinhold. Der Kaufmann überrascht May, als er dessen neunzehnjährige Ehefrau Henriette, der er nicht nur Klavierunterricht gibt, küsst. Meinhold meldet diese Romanze dem Superintendenten Carl Wilhelm Otto – Karl May wird fristlos entlassen.
Lehrstelle Chemnitz

   Seine nächste Lehramtsstelle wird May zum Verhängnis. In Altchemnitz, wo er seit dem 6. November als Fabriklehrer bei der Firma Solbrig tätig ist, muss er sich sein Logis, Stube und Schlafstube, mit deren Expedienten Julius Hermann Scheunpflug teilen.
   Er hatte bisher beides allein besessen; nun wurde ich zu ihm einquatiert … Hierdurch verlor er seine Bequemlichkeit … Er hatte von seinen Eltern eine neue Taschenuhr bekommen. Seine alte, die er nun nicht mehr brauchte, hing unbenutzt an einem Nagel an der Wand. Sie hatte einen Wert von höchstens zwanzig Mark. Er bot sie mir zum Kaufe an, weil ich keine besaß; ich lehnte aber ab, denn wenn ich mir einmal eine Uhr kaufte, so sollte es eine neue, bessere sein. Freilich stand dies noch in weitem Felde, weil ich zuvor meine Schulden abzuzahlen hatte. Da machte er selbst mir den Vorschlag, seine alte Uhr, wenn ich in die Schule gehe, zu mir zu stecken, da ich doch zur Pünktlichkeit verpflichtet sei. Ich ging darauf ein und war ihm dankbar dafür. In der ersten Zeit hing ich die Uhr, sobald ich aus der Schule zurückkehrte, sofort an den Nagel zurück. Später unterblieb das zuweilen; ich behielt sie noch stundenlang in der Tasche, denn eine so auffällige Betonung, daß sie nicht mir gehöre, kam mir nicht gewissenhaft, sondern lächerlich vor. Schließlich nahm ich sie sogar auf Ausgängen mit und hing sie erst am Abende, nach meiner Heimkehr, an Ort und Stelle. Ein wirklich freundschaftlicher oder gar herzlicher Umgang fand nicht zwischen uns statt. Er duldete mich notgedrungen und ließ es mich zuweilen absichtlich merken, daß ihm die Teilung seiner Wohnung nicht behage. [Leben, S. 103f.]
   Die Weihnachtsferien beginnen. Am 23. Dezember geht May direkt von der Schule zur Bahn und fährt nach Hause; die Uhr nimmt er mit. Auf dem Hohensteiner Markt wird er Heiligabend verhaftet. Er soll die Uhr, eine Tabakspfeife und eine Cigarrenspitze seinem Zimmerkameraden gestohlen haben. May ist bestürzt:
   Ich beging den Wahnsinn, den Besitz der Uhr in Abrede zu stellen; sie wurde aber, als man nach ihr suchte, gefunden. So vernichtete mich also die Lüge, anstatt daß sie mich rettete; das tut sie ja immer; ich war ein – – – Dieb! [S. 107]
   Mays Darstellung ist glaubwürdig. Somit dürfte er unschuldig inhaftiert gewesen sein – jedenfalls war die berufliche Laufbahn verdorben! Diese Begebenheit hatte wie ein Schlag auf mich gewirkt, wie ein Schlag über den Kopf, unter dessen Wucht man zusammenbricht. Und ich brach zusammen! [S. 109]

Plauen

 

Glauchau

 

Altchemnitz

 

Ernstthal,
Marktplatz 185

1862

May wird höchstwahrscheinlich – die Akten sind nicht erhalten – wegen »widerrechtlicher Benutzung fremder Sachen« nach Art. 330, Abs. 3, verurteilt. Man verhängt die Höchststrafe: sechs Wochen Gefängnis. Gnadengesuche werden abgelehnt.
   8. September bis 20. Oktober: Gefängnishaft in Chemnitz
Nach heutiger Rechtsprechung wäre May nicht in das Gefängnis gekommen. Dieser Schicksalsschlag führt zu einem dauerhaften Berufsverbot als Lehrer.
   6. Dezember: May wird für den Militärdienst gemustert und für »untüchtig« befunden.

Ernstthal,
Marktplatz 185
1863

May tritt bei »musikalisch-declamatorischen Abendunterhaltungen« in Ernstthal auf. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Privatunterricht. Am 12. Februar wird deshalb vom Lehrercollegium Anzeige erstattet; die Schulinspection erfährt hiervon durch einen Brief des Ernstthaler Pfarrers Schmidt vom 20. März.
   20. Juni: Mays Name wird aus der Liste der sächsischen Schulamtskandidaten gestrichen. Die Erteilung von Privatunterricht wird ihm ausdrücklich untersagt. Seine bürgerliche Existenz ist zum Scheitern verurteilt.
   Es war, als ob ich aus jener Zelle, in der ich sechs Wochen lang eingekerkert gewesen war, eine ganze Menge unsichtbarer Verbrecherexistenzen mit heimgebracht hätte, die es nun als ihre Aufgabe betrachteten, sich bei mir einzunisten und mich ihnen gleichgesinnt zu machen. Ich sah sie nicht; ich sah nur die finstere, höhnische Hauptgestalt aus dem heimatlichen Sumpf und den Hohensteiner Schundromanen; aber sie sprachen auf mich ein; sie beeinflußten mich. Und wenn ich mich dagegen sträubte, so wurden sie lauter, um mich zu betäuben und so zu ermüden, daß ich die Kraft zum Widerstand verlor. Die Hauptsache war, daß ich mich rächen sollte, rächen an dem Eigentümer jener Uhr, der mich angezeigt hatte, nur um mich aus seiner Wohnung loszuwerden, rächen an der Polizei, rächen an dem Richter, rächen am Staate, an der Menschheit, überhaupt an jedermann! Ich war ein Mustermensch, weiß, rein und unschuldig wie ein Lamm. Die Welt hatte mich betrogen um meine Zukunft, um mein Lebensglück. Wodurch? Dadurch, daß ich das blieb, wozu sie mich gemacht hatte, nämlich ein Verbrecher.
   Das war es, was die Versucher in meinem Innern von mir forderten. Ich wehrte mich, so viel ich konnte, so weit meine Kräfte reichten. Ich gab allem, was ich damals schrieb, besonders meinen Dorfgeschichten, eine ethische, eine streng gesetzliche, eine königstreue Tendenz. Das tat ich, nicht nur andern, sondern auch mir selbst zur Stütze. Aber wie schwer, wie unendlich schwer ist mir das geworden! Wenn ich nicht tat, was diese lauten Stimmen in mir verlangten, wurde ich von ihnen mit Hohngelächter, mit Flüchen und Verwünschungen überschüttet, nicht nur stundenlang, sondern halbe Tage und ganze Nächte lang. Ich bin, um diesen Stimmen zu entgehen, aus dem Bett gesprungen und hinaus in den Regen und das Schneegestöber gelaufen.
[Mein Leben und Streben, S. 117f.]

Dass May wirklich unter erheblichen psychischen Störungen litt, nachts hinaus in den Regen lief, dürfte sein wohl aus jener Zeit stammende Gedicht belegen:

Kennst du die Nacht, die auf die Erde sinkt
Bei hohlem Wind und scheuem Regenfall,
Die Nacht, in der kein Stern am Himmel blinkt,
Kein Aug durchdringt des Nebels dichten Wall?
So finster diese Nacht, sie hat doch einen Morgen
O lege Dich zur Ruhe und sei ohne Sorgen!

Kennst Du die Nacht, die auf das Leben sinkt,
Wenn dich der Tod aufs letzte Lager streckt
Und nah der Ruf der Ewigkeit erklingt,
Daß dir der Puls in allen Adern schreckt?
So finster diese Nacht, sie hat doch einen Morgen
O lege dich zur Ruhe und sei ohne Sorgen!

Kennst Du die Nacht, die auf den Geist dir sinkt,
Daß er vergebens um Erlösung schreit,
Die schlangengleich sich ums Gedächniß schlingt
Und tausend Teufel ins Gehirn dir speit?
O sei vor ihr ja stets in wachen Sorgen,
Denn diese Nacht allein hat keinen Morgen!

Zunächst kämpft May erfolgreich gegen diese »tausend Teufel« an. Er schreibt für den Ernstthaler Gesangsverein ›Lyra‹ eine ganze Reihe eigener Kompositionen.

Ernstthal,
Marktplatz 185
1864

May hält sich in Naußlitz bei Dresden auf. Über diese Zeit ist nichts bekannt. In der zweiten Jahreshälfte tingelt er vermutlich mit einer Theatergruppe durch Sachsen und unterhält dabei möglicherweise amouröse Beziehungen zu einer Balleteuse der Theater- und Ballettgruppe H. Jerwitz aus Leipzig. Fast 21 Monate sind nach Mays sechswöchiger Haft in Chemnitz vergangen. Jetzt verliert er den Halt:
   Diese Nacht war nicht ganz dunkel; sie hatte Dämmerlicht. Und sonderbar, sie erstreckte sich nur auf die Seele, nicht auch auf den Geist. Ich war seelenkrank, aber nicht geisteskrank. Ich besaß die Fähigkeit zu jedem logischen Schlusse, zur Lösung jeder mathematischen Aufgabe. Ich hatte den schärfsten Einblick in alles, was außer mir lag; aber sobald es sich mir näherte, um zu mir in Beziehung zu treten, hörte diese Einsicht auf. Ich war nicht imstande, mich selbst zu betrachten, mich selbst zu verstehen, mich selbst zu führen und zu lenken. [Mein Leben und Streben, S. 111]
   Die »tausend Teufel« führen Karl May am 9. Juli nach Penig. Dort nennt er sich »Dr. med. Heilig«, »Augenarzt« und »früherer Militair« aus Rochlitz. Er lässt sich Kleidungsstücke maßschneidern und verschwindet ohne zu bezahlen. Zuvor hat er einem augenkranken jungen Mann in lateinischen Worten ein Rezept ausgestellt.
   16. Dezember: In Chemnitz taucht May als »Seminarlehrer Ferdinand Lohse« auf und mietet im Gasthof ›Zum goldenen Anker‹ zwei miteinander verbundene Zimmer. Dorthin lässt er sich verschiedene Damenpelze liefern. Er bringt sie ins Nebenzimmer zum »kranken Direktor« und sucht mit den Pelzen das Weite.

Naußlitz
bei Dresden
1865

28. Februar: In Gohlis bei Leipzig wohnt May beim Stahlstecher Schule. Am 20. März sucht er als »Kupferstecher Hermes«, Schutzgott der Diebe und der Händler, den Kürschner Friedrich Erler auf und erleichtert ihn um einen Biberpelz. Einen Tag später versetzt May den Pelz über eine ahnungslose Mittelsperson im Leihhaus. Beim Versuch den Erlös abholen zu lassen, wird May am 26. März im Rosenthal, einem Parkgelände zwischen Gohlis und Leipzig, ergriffen, wobei ihm ein Beil »unter dem Rocke vorgeglitten« ist.
   In der Amtsstube ist er »ganz regungslos und anscheinend leblos gewesen und hat auch, nachdem der Polizeiarzt herzugerufen wurde, nicht gesprochen.« Diese aktenkundige Apathie gibt zu denken. Es vergeht geraume Zeit, bis May ansprechbar ist und alles gesteht.
   8. Juni: Karl May wird vom Bezirksgericht Leipzig »wegen mehrfachen Betrugs« zu vier Jahren und einem Monat Arbeitshaus verurteilt. Am 14. Juni wird er in das Arbeitshaus ›Schloß Osterstein‹ eingeliefert. May ist jetzt Häftling Nr. 171. Er wird der Schreibstube zugeteilt, versagt aber  wegen psychischer Schwäche.
   19. September: Johanna Christiana May, die so genannte Märchengroßmutter, stirbt 85-jährig.

Gohlis

 

Zwickau,
Schloss Osterstein

1866

May fertigt Geld- und Zigarrentaschen.

Zwickau,
Schloss Osterstein
1867

Der Aufseher Friedrich Göhler entdeckt Mays musikalische Talente. May avanciert zum Posaunenbläser und ist Mitglied des Gefängnis-Kirchenchors. Vermutlich zum Jahresende wird er »besonderer Schreiber« des Inspektors Krell und in das Isolierhaus versetzt. Die umfangreiche Gefangenenbibliothek verwandelt seine Strafzeit in eine Studienzeit.

Zwickau,
Schloss Osterstein
1868

Literarische Entwürfe entstehen: das Repertorium C. May.
2. November: May wird »in Folge Allerhöchster Gnade« wegen guter Führung vorzeitig – 253 Tage früher als ursprünglich vorgesehen – mit Vertrauenszeugnis aus dem Arbeitshaus entlassen. Daheim erfährt er vom Tod seiner geliebten Großmutter. Diese Nachricht bringt ihn erneut aus dem seelischen Gleichgewicht.
   Es begann das frühere Elend, die frühere Marter, der frühere Kampf mit unbegreiflichen Mächten, die um so gefährlicher waren, als ich absolut nicht entdecken konnte, ob sie Teile von mir seien oder nicht. … Sie verlangten wie früher, daß ich mich rächen solle. Nun erst recht mich rächen, für die im Gefängnis verlorene, köstliche Zeit! [Mein Leben und Streben, S. 157]
   May versucht, diesen »unbegreiflichen Mächten« zu entgehen. Für den Dresdner Verlagsbuchhändler Münchmeyer schreibt er Texte, die heute verschollen sind.

Zwickau,
Schloss Osterstein

Ernstthal,
Marktplatz 185

1869

Etwa zum Jahresbeginn lernt May das Dienstmädchen Auguste Gräßler aus Raschau kennen. Aus dieser Bekanntschaft entwickelt sich eine Liebschaft.
   Am 29. März fahndet May in Wiederau als »Polizeilieutenant von Wolframsdorf aus Leipzig« beim Krämer Carl Reimann nach Falschgeld. Angeblich fündig geworden, führt er Reimann zum »Verhör« in einen Gasthof und entschwindet dann spurlos.
   10 April: May fahndet im Hause des Seilermeisters Krause in Ponitz erneut nach Falschgeld. Die Aktion misslingt. May verschafft sich mit einem Doppelterzerol Respekt und ergreift »querfeldein die Flucht«. Er ist stets verkleidet und trägt falsche Bärte. In Ernstthal erweckt er am 20. April den Eindruck, er wäre nach Amerika ausgewandert.
   Vom 3. Mai bis 5. Mai befindet sich May in Jöhstadt; dort besucht er am Abend des dritten Mai das Theater.
   Pfingsten, 16.-17. Mai: In Schwarzenberg trifft May zum letzten Mal seine Geliebte Auguste Gräßler. Am 27. / 28. Mai richtet er sich die Eisenhöhle (heute als Karl-May-Höhle bekannt), nördlich von Hohenstein, als Wohnstätte ein. Mit einem Kinderwagen (!) transportiert er merkwürdige Gegenstände dort hin, die er seinem Paten Weißpflog gestohlen haben soll.
   31. Mai: In Limbach bringt May in der Gaststätte des Victor Reinhard Wünschmann einen Satz Billardkugeln an sich und begibt sich nach Chemnitz, um sie zu verkaufen, was jedoch durch die Aufmerksamkeit zweier Polizisten misslingt.
   3. / 4. Juni: Aus einem Stall in Bräunsdorf entwendet May dem Gasthofbesitzer Schreier nachts ein Pferd samt Trense, Reitpeitsche und Halsriemen; dann reitet er davon. Wenige Stunden später scheitert der Versuch, das Pferd an einen Schlachter zu verkaufen.
   15. Juni: In Mülsen St. Jacob hat May seinen Auftritt als »Expedient des Advocaten Dr. Schaffrath in Dresden« und lockt den Bäckermeister Wappler in einer Erbschaftsangelegenheit nach Glauchau. Währenddessen gibt sich May bei der daheim gebliebenen Ehefrau als Polizist aus und beschlagnahmt 28 Taler ›Falschgeld‹.
   Ende Juni entwendet May aus dem Kegelhaus der Gastwirtschaft Engelhardt in Hohenstein ein Handtuch und eine Zigarrenpfeife. Am 2. Juli, nachts 3 Uhr, wird er dort schlafend entdeckt und »nach kurzem Kampfe« überwältigt und nach Mittweida ins Gefängnis überführt.
   5. und 15. Juli: Lokaltermine in Wiederau und Mülsen St. Jacob. 26. Juli: Auf dem Weg zu einem weiteren Lokaltermin in Bräunsdorf entspringt May seinem Bewacher; er soll die »eiserne Bretze« (Handschellen) zerbrochen haben. Trotz großer Suchaktion in den Hohensteiner Wäldern am 6. und 7. August bleibt May zunächst verschwunden.
   Im Spätsommer taucht er in Siegeldorf bei Halle auf. Er gibt sich als »Schriftsteller Heichel aus Dresden«, dann als »natürlicher Sohn des Prinzen von Waldenburg« aus und trifft die Wirtschafterin Malwine Wadenbach, die er möglicherweise von früher kennt.
   Ferner ist Mays Aufenthalt in Ellersleben, Plößnitz und Coburg bekannt.

Ernstthal,
Marktplatz 185

Eisenhöhle
(Karl-May-Höhle)

1870

4. Januar: In Niederalgersdorf (Böhmen) wird May als Landstreicher in einer Scheune aufgegriffen. Er nennt sich »Albin Wadenbach«, Plantagenbesitzer aus Orby auf der Insel Martinique, Westindien. Ein Lichtbild überführt ihn.
   14. März: May wird in das Gefängnis nach Mittweida gebracht. Am 13. April wird er vor dem Bezirksgericht Mittweida »des ihm Beigemessenen geständig, wegen einfachen und ausgezeichneten Diebstahls, Betrugs und Betrugs unter erschwerenden Umständen, sowie wegen Widersetzung gegen unerlaubter Selbsthülfe und Fälschung unter Berücksichtigung seiner Rückfälligkeit mit Zuchthausstrafe in der Dauer von 4 Jahren belegt und in die Untersuchungskosten verurteilt.«
   Wie der weltbekannte Strafrechtler Professor Dr. Dr. h. c. mult. Claus Roxin feststellt, lässt es sich nicht ausschließen, »dass May unter Bewusstseinsstörungen gelitten haben kann, die seine strafrechtliche Verantwortlichkeit im Sinne des § 51 StGB ausschließen oder wenigstens eine erheblich verminderte Zurechnungsfähigkeit begründen würden.« [Karl May, das Strafrecht und die Literatur, Tübingen 1997, S. 47.]
   Nach einer medizinischen Studie von Dr. William E. Thomas, einem australischen Arzt, litt May unter Dissoziativen Identitätsstörungen und sei deshalb ›schuldunfähig‹ gewesen.
   Der Psychiater und Neurologie Edgar Bayer (Klinikarzt in Günzburg) vermutet eine ›dissoziale Persönlichkeitsstörung‹ in der Vagantenzeit Mays und somit eine verminderte Schuldfähigkeit.
   Wie man Mays psychischen Zustand auch bewerten mag, der finanzielle Schaden, den May mit seinen phantasievollen Delikten verursacht hatte, erreichte insgesamt keine 1000 Mark. »May hat später, als er zu Geld gekommen war, viele tausend Mark an Bedürftige verschenkt, er hat auch sein gesamtes Vermögen und alle innerhalb der Schutzfrist noch zu erzielenden Einnahmen aus seinen Werken einer Stiftung für mittellose Künstler hinterlassen. Auch ist der Läuterungsgedanke«, wie Claus Roxin anmerkt, »eine der Grundtendenzen seines Werkes – nicht überall zu dessen literarischem Vorteil«.
   3. Mai: Strafantritt im Zuchthaus Waldheim. May ist jetzt Sträfling »Nr. 402« und kommt in Isolierhaft. Mindestens 13 Stunden täglich arbeitet er als Zigarrenmacher. Wahrscheinlich erfüllt »Nr. 402« zunächst sein Arbeitspensum nicht, denn er wird vermutlich deshalb mit Kostentziehung disziplinarisch bestraft.

Böhmen

Mittweida

Waldheim

1871

Eine schriftstellerische Betätigung Mays ist nach der Zuchthausordnung in Waldheim völlig ausgeschlossen! »Das Schreibmaterial wird den Züchtlingen für jeden einzelnen Fall in der erforderlichen Menge von der Anstalt gegen Bezahlung gewährt, ebenso das Couvert, in welches jeder Brief eingeschlossen werden muß. Das Beiseitebringen von Schreibmaterialien ist verboten. Jeder Züchtling hat soviel Papier als er empfing, beschrieben oder unbeschrieben, ferner Dinte und Schreibstifte etc. wieder abzuliefern.« [§ 50]
   Anzeichen für eine Haftpsychose Mays in Verbindung mit seiner Isolierhaft, wie in der Sekundärliteratur gelegentlich angenommen, gibt es nicht. So ein Ereignis hätte sich in seinen Werken widerspiegeln müssen; dies ist aber nicht der Fall. May litt seiner Aussage nach nicht unter der Isolierhaft, sie war ihm eher angenehm.

Waldheim
1872

Der Anstaltskatechist Johannes Kochta wird May zum väterlichen Freund. Die Begegnungen mit dem Katholiken hinterlassen bei May einen bleibenden Eindruck; er findet zu sich selbst.
   29. April: Mays 25-jährige Schwester Ernestine Pauline stirbt in Ernstthal.

Waldheim
1873

Obwohl Lutheraner, spielt May beim katholischen Gottesdienst die Orgel.

Waldheim
1874

May ist bis Anfang März in der Gefangenenbibliothek beschäftigt.
   2. Mai: Entlassung aus dem Zuchthaus. May steht für zwei Jahre unter Polizeiaufsicht. Spiegelungen in seinen späteren Texten deuten an, dass er zunächst als Schmiedgehilfe beim Paten Weißpflog tätig ist. Im Sommer schreibt er Die Rose von Ernstthal.

Waldheim

Ernstthal,
Marktplatz 185

1875 Mays Erzählung Die Rose von Ernstthal, erschienen ab November 1874 bei Hermann Oeser in Neusalza, dürfte den Verlagsbuchhändler H. G. Münchmeyer veranlasst haben, May, den er noch aus den 60er Jahren kennt, aufzusuchen. Sein Redakteur Otto Freitag hat im Streit gekündigt; Münchmeyer braucht dringend Ersatz.
   8. März: May begibt sich als ›Redakteur‹ nach Dresden-Altstadt; er wohnt im Jagdweg, in dem sich das Verlagsgebäude befindet. Dort redigiert er das Unterhaltungsblatt Der Beobachter an der Elbe. Münchmeyer nennt May vor seinen Verlagsarbeitern stets »Herr Doktor«. Diese Titulierung, die May später beibehält, ändert aber nichts daran, dass er am 24. März aus Dresden ausgewiesen wird. May, der noch ein gutes Jahr unter Polizeiaufsicht steht, darf Hohenstein und Ernstthal ohne Erlaubnis nicht verlassen.
   Fortan redigiert May in Ernstthal Münchmeyers ›Beobachter‹. Dort erscheint ab Ende Mai seine Novelle Wanda. Ferner verfasst er für seinen Verleger große Teile für das Buch der Liebe als Nachfolgewerk des berüchtigten ›Venustempel‹ (Geschichte der Prostitution und ihre Entstehung), der seit Dezember 1874 in Österreich, später auch im Deutschen Reich verboten ist.
   Anfang August kehrt May nach Dresden zurück; man hat ihm jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung erteilt. Zwischenzeitlich reist er u.a. nach Essen, Dortmund und Berlin, um bei den Firmen Krupp und Borsig für seine neu zu gründende Arbeiter-Zeitschrift Schacht und Hütte zu werben. Ab September startet anstelle des ›Beobachters‹ neben Schacht und Hütte das Unterhaltungsblatt Deutsches Familienblatt. Ab Mitte Oktober erscheint Mays erste Winnetou-Erzählung Old Firehand. Weitere Erzählungen aus dieser Zeit: Der Gitano, Inn-nu-woh, Ein Stücklein vom alten Dessauer, Die Fastnachtsnarren, Geographische Predigten.
   Mays Verhältnis zu seinem Verleger wird familiär. Zu Weihnachten erhält er von dessen Frau Pauline ein Klavier geschenkt.
Ernstthal,
Marktplatz 185

Dresden-Altstadt,
Jagdweg 6

Ernstthal,
Marktplatz 185

Dresden-Altstadt,
Falkenstr. 4,
bei der Witwe
Emma Ros. Vogel.

Dresden-Altstadt,
Jagdweg 14

1876

 

Karl May als Redakteur

Seit Anfang September 1875 wohnt Karl May im Wohngebäude Münchmeyers. Minna Ey, die Schwester von Pauline Münchmeyer, hält die Privaträume Mays in Ordnung. Sie soll mit May verkuppelt werden; der angehende Erfolgsautor zeigt nicht das geringste Interesse. 23. Februar: Hausdurchsuchung bei H. G. Münchmeyer. Die Polizei ermittelt aufgrund unerlaubten Vertriebs der Schriften ›Venustempel‹ und Buch der Liebe. 2. Mai: Mit diesem Tag endet Mays zweijährige Polizeiaufsicht. Anfang August kündigt May eine Fortsetzung zum Roman ›Fürst und Junker‹ an, der von Friedrich Axmann verfasst worden war:

Denjenigen Lesern des »deutschen Familienblattes«, welche sich mit den späteren Lebensschicksalen Dietrichs von Quitzow bis zu seinem Tode bekannt zu machen wünschen, dürfte die Nachricht nicht unwillkommen sein, daß der Autor dieses Thema zum Gegenstande eines ebenso fesselnden, wie ergreifenden Romans: »Dietrichs von Quitzow letzte Fahrten« gewählt hat, welcher in Nummer 20 der diesjährigen »Feierstunden am häuslichen Heerde«, einer im Münchmeyerschen Verlage erscheinenden belletristischen Zeitschrift, beginnen wird.
[Deutsches Familienblatt, Heft 49, S. 770]

Der angekündigte Quitzow-Roman startet jedoch bereits in Nummer 10 der Feierstunden unter dem Autorennamen ›Karl May‹.
   Im Sommer steht May unter Anklage wegen seiner Mitarbeit am Buch der Liebe. Ferner angeklagt sind Münchmeyers Bruder Friedrich als Herausgeber, später wohl auch Otto Freitag als Redakteur des Venustempels. In dieser Situation drängt Pauline Münchmeyer zur Ehe mit Minna Ey. May wird  freigesprochen. Ende Oktober verlässt May die Redaktion und schreibt noch »notwendige Manuskripte«. Vermutlich will er seinen Quitzow -Roman zunächst fortführen, obwohl er nicht mehr Redakteur bei Münchmeyer ist. Die Feindschaft Paulines, die es nicht ertragen kann, dass May ihre Schwester abgewiesen hat, macht diese Pläne wohl zunichte. Sowohl Mays Quitzow als auch Axmanns ›Kurfürst‹ (Axmann war laut Münchmeyer verstorben) werden ab März 1877 von Dr. Heinrich Goldmann fortgeführt.
   Nach seiner Redakteurzeit reist May zeitweise nach Hohenstein und Ernstthal. Dort verliebt er sich in die attraktive Emma Pollmer, die am 22. November ihren zwanzigsten Geburtstag feiert. 
   In dem zurückliegenden Jahr verfasste May u.a.: Auf den Nußbäumen, Unter den Werbern, Leilet, Der beiden Quitzows letzte Fahrten, Ausgeräuchert und Im Wollteufel.

Dresden-Altstadt,
Jagdweg 14
  

Pillnitzer Straße 72

1877 May wohnt in der Pillnitzer Str. 72 bei der Wittfrau Groh. In den nächsten Monaten schreibt er Die beiden Nachtwächter, Der Dukatenhof, Die verhängnißvolle Neujahrsnacht, Ziege oder Bock, Der Samiel, Der Kaiserbauer.
   Am 26. Mai folgt ihm Emma Pollmer nach Dresden. Sie findet eine Anstellung im Haushalt der Pfarrerswitwe Auguste Petzold in der Mathildenstraße 18. Karl May wird Redakteur beim Verleger Bruno Radelli für den 2. Jahrgang des Unterhaltungsblattes ›Frohe Stunden‹; die erste Nummer erscheint Ende Juni. Ab der Nummer 10 publiziert May regelmäßig eigene Texte: Der Oelprinz, Die Gum, Ein Abenteuer auf Ceylon, Die Kriegskasse, Aqua benedetta, Auf der [hoher] See gefangen, Ein Self-man.
   Bei Peter Rosegger erscheint Die Rose von Kahira. Diese Erzählung war bereits im Vorjahr unter dem Titel Leilet von Münchmeyer herausgegeben worden. Aufgrund der Neupublikation hält Rosseger »Herrn Karl May … für einen vielerfahrenden Mann, der lange Zeit im Orient gelebt haben muß.«
Dresden-Altstadt,
Pillnitzer Straße 72
1878 Seit Jahresbeginn wohnt May in einer Parterrewohnung in Dresden-Strießen, wo ihm Emma die Wirtschaft führt; sie gelten als Ehepaar. Er schreibt dort für die ›Frohen Stunden‹: Husarenstreiche, Der Africander, Vom Tode erstanden, Die Rache des Ehri, Nach Sibirien. Für Peter Rosseger verfasst May Die falschen Excellenzen.
   26. Januar: Emil Eduard Pollmer, Emmas trunksüchtiger Onkel, stirbt in Niederwürschnitz bei Stollberg; er war im Rausch unter ein Fuhrwerk geraten und konnte sich noch in den Pferdestall des Gasthofes ›Zum braven Bergmann‹ schleppen. Der Großvater Emmas, der Barbier Christian Gotthilf Pollmer, glaubt nicht an einen Unfall. Er verleitet May zum Recherchieren.
   25. April: May ermittelt als »höherer, von der Regierung eingesetzter Beamter«. Obwohl er keinen Titel oder Dienstgrad nennt, legt man ihm dies als Amtsanmaßung aus. Am 11. Juni wird er deshalb in Dresden vorgeladen. Ende Juni endet Mays Redakteurzeit bei Radelli. Emma Pollmer zieht zu ihrem Großvater nach Hohenstein, Karl May zu seinen Eltern. Zeitweilig soll er sich in Berlin aufhalten. Möglicherweise sucht er eine neue Redakteurstelle.
   6. September: Vernehmung auf dem Gerichtsamt in Hohenstein. 15. Oktober: Vernehmung in Stollberg und eine Gegenüberstellung am 25. Oktober. May verhält sich leichtsinnig; er verzichtet auf Rechtsbeistand. Im Sommer und Herbst verfasst er die Erzählungen: Des Kindes Ruf, Die Universalerben, Die Laubthaler und Der Waldkönig.
Dresden-Strießen
Straße Nr. 4
Villa Forsthaus

Ernstthal,
Marktplatz 185

1879 Am 9. Januar wird May vom Gerichtsamt Stollberg wegen »unbefugter Ausübung eines öffentliches Amtes« (im Sinne des § 132 StGB) zu drei Wochen Gefängnis verurteilt. Dieses Urteil ist, wie der Strafrechtler Erich Schwinge nachgewiesen hat, eine Fehlentscheidung. Die Akten sind erhalten. May hat keineswegs eine Amtshandlung vorgenommen. Einspruch (12. Mai) und Gnadengesuch (2. Juli) werden abgewiesen. Vom 1.–22. September muss Karl May seine Strafe im Arresthaus des Gerichtsamtes Hohenstein absitzen. Diese Blamage hat er nie verwunden, wie zahlreiche Werkspiegelungen belegen.
   Die Beziehung mit Emma Pollmer ist aufgrund ihrer Untreue gefährdet; Karl May lebt vermutlich ständig bei seinen Eltern.
   Erfreulicher gestaltet sich seine literarische Tätigkeit. Erste Kontakte zur katholischen Wochenzeitschrift ›Deutscher Hausschatz‹ in Regensburg. In der Reiseerzählung Unter Würgern fällt dort zum ersten Mal der Name ›Old Shatterhand‹.
   Ende November erscheint beim Stuttgarter Verlag Franz Neugebauer seine Buchbearbeitung des Ferry-Romans ›Der Waldläufer‹ sowie sein erstes Jugendbuch Im fernen Westen.
   Weitere Publikationen in diesem Jahr:  Ein Dichter, Der Giftheiner, Three carde monte, Unter Würgern, Der Girl-Robber, Der Boer van het Roer und der Stuttgarter Zeitschriftenroman Scepter und Hammer. Das darin enthaltene Kapitel Der tolle Prinz lässt auf ein ernstes Zerwürfnis mit Emma Pollmer schließen, die May dort als Emma Vollmer verewigte, welche ihren Geliebten betrügt.
Ernstthal,
Marktplatz 185
1880 Januar: »May, Dr. Karl …« wird erstmals im ›Allgemeinen Deutschen Literaturkalender‹ erwähnt.
   19. Februar: Das Heiratsaufgebot von Karl May und Emma Pollmer wird in Hohenstein bestellt. Der Aushang erfolgt vom 20. Februar bis zum 7. März.
   Mai: Erstmals meldet der ›Deutsche Hausschatz‹, dass der Ich-Erzähler der Reiseabenteuer mit dem Verfasser Karl May identisch sei.
   26. Mai: Emmas Großvater Christian Gotthilf Pollmer stirbt infolge eines Schlaganfalls in Hohenstein, und am 27. Mai stirbt Mays ältere Schwester Auguste Wilhelmine, verheiratete Hoppe, an Blutzersetzung. Wegen dieser Schicksalsschläge – wohl auch wegen Meinungsverschiedenheiten – findet die standesamtliche Trauung von Karl May und Emma Pollmer erst am 17. August statt. 12. September: Kirchliche Trauung in der Hohensteiner Kirche St. Christopheri, anschließend Umzug in das Haus ›Am Markt 2‹.
   Erwähnenswerte Veröffentlichungen in diesem Jahr: Deadly Dust, Der Brodnik, Die Juweleninsel, Der Kiang-lu, Tui Fanua.
Ernstthal,
Marktplatz 185

Hohenstein
Am Markt 2

1881 Januar: In der Hausschatz-Reiseerzählung Giölgeda padishanün – später Durch die Wüste und Folgebände – treten zum ersten Mal der Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi und sein Diener Hadschi Halef Omar auf. Dieser Orientzyklus wird literarisch lediglich von seinem Alterswerk übertroffen.
   März: Der ›Deutsche Hausschatz‹ schreibt in seiner Nummer 9: »›Hausschatzleser in Westfalen.‹ Der Verfasser der Reise-Abenteuer hat alle Länder, welche der Schauplatz seiner Erzählungen sind, selbst bereist. Unlängst ist er von einem Ausflug nach Rußland, Bulgarien, Konstantinopel etc. zurückgekehrt, und zwar mit einem Messerstich als Andenken. Denn er pflegt nicht, mit dem rothen Bädeker in der Hand im Eisenbahn-Coupé zu reisen, sondern er sucht die noch wenig ausgetretenen Pfade auf. – Besten Dank für Ihre Grüße!«
   November 1881: Die Zeitung ›Le Monde‹ beginnt mit dem Abdruck einer französischen May-Übersetzung.
Hohenstein,
Am Markt 2
1882

May arbeitet intensiv an seinem Orientzyklus im ›Deutschen Hausschatz‹. Die Reise-Abenteuer in Kurdistan sowie Die Todeskaravne gelingen ihm hervorragend. Den Schluss seiner Juweleninsel für den Stuttgarter Verlag Göltz & Rühling schreibt er dagegen lustlos; dementsprechend endet dieser Roman.
   Im Spätsommer befinden sich Karl und Emma May auf einer Erholungstour in Dresden-Altstadt. In Rengers Restauration kommt es zu einer schicksalsbestimmenden Begegnung mit dem altbekannten Verleger Heinrich Münchmeyer. Aus diesem Treffen entwickelt sich eine mehrjährige Geschäftsbeziehung. Der Kontrakt wird per Handschlag ausgehandelt. May soll für ein Honorar von 35 Mark pro Lieferung einen spannenden Fortsetzungsroman schreiben. Sobald die Auflage 20 000 Exemplare erreicht ist, soll May zudem eine feine Gratifikation erhalten, ferner das alleinige Urheberrecht. May beginnt zunächst sporadisch mit dem Waldröschen:

»Geehrte Frau!
   Sie würden mich zu großem Dank verpflichten, wenn Sie Ihren geehrten Mann, den ich die Ehre habe, meinen vertrauten Freund nennen zu dürfen, bewegen könnten, mir Manuscript, u. zwar 3 Hefte pro Woche zu senden.
   Es ist jetzt die beste Zeit mit der Herausgabe des Werkchen. Das erste Heft habe ich fertig, doch kann ich dasselbe nicht herausgeben, indem ich ohne Manuscript nicht weiter liefern kann.
   Ich habe so gut an Ihrem Manne gehandelt. Ich habe ihm gegen 500 M. schon auf dieses Werkchen gegeben, u. er ist so undankbar u. läßt mich ganz ruhig sitzen und doch nennt er sich meinen besten Freund in seinen Briefen u. verspricht mir das Blaue vom Himmel, hält aber nicht die Idee von seinem Versprechen.
   Ich glaube, er hört auf Sie, indem er Sie doch liebt, was er ja immer betheuert. Ich wende mich also vertrauensvoll an Sie u. betrachte Sie als rettenden Engel, der mich erlösen soll aus meiner kostspieligen u. höchst verhängnisvollen Lage. Meine Frau begrüßt Sie herzlich und bittet vereint mit mir um Ihre Vermittlung. In dem ich Sie recht herzlich begrüße, zeichne ich mit bekannter Hochachtung
   Ihr ganz ergebenster  H. G. Münchmeyer
   Dresden, d. 20. 10. 82«

Emmas Vermittlung ist erfolgreich: Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde startet Anfang Dezember unter dem Pseudonym Capitain Ramon Diaz de la Escosura und wird in der Folgezeit zum Kassenschlager.
   Weitere Arbeiten: Die Both Shatters, Der Krumir, Ein Fürst-Marschall als Bäcker, Robert Surcouf, Christi Blut und Gerechtigkeit, In Damaskus und Baalbeck, Ein Oelbrand.

Hohenstein,
Am Markt 2
1883 Mit ziemlicher Sicherheit reist May Anfang Februar nach Dresden, um Münchmeyer zu besuchen. Emma folgt später nach. Zwischen ihr und der Verlegerfrau Pauline entwickelt sich eine intime Freundschaft.
   6. April: Emma Mays Jugendfreundin Ida Metzer hält in ihrer Hohensteiner Wohnung eine spiritistische Sitzung ab; Karl May nimmt teil.
   7. April: Umzug von Hohenstein nach Dresden-Blasewitz. Im Blasewitzer Adressbuch ist May als »Literat und Redacteur« gemeldet. Sehr wahrscheinlich redigiert der »Redacteur« mit Münchmeyer gemeinsam den ›Deutschen Wanderer‹ Er sollte auf derselben Höhe stehen, wie die beiden im Jahre 1875 von mir gegründeten Unterhaltungsblätter. Im ›Wanderer‹ erscheint ab Ende September, jetzt für 50 Mark Honorar, Die Liebe des Ulanen.
   May verfasst in diesem arbeitsreichen Jahr ferner: Stambul, Im »wilden Westen« Nordamerika's, Der Amsenhändler, Pandur und Grenadier. Eine Mitarbeit für Joseph Kürschner (Herausgeber des Literaturkalenders) muss er aus Zeitmangel ablehnen.
   Der Hausschatz-Redakteur Venanz Müller bittet vergeblich um weiteres Manuskript, als May immer intensiver für Münchmeyer arbeitet. Ein Mythos entsteht:
   »Die Fortsetzung der Reise-Erzählungen von Karl May wird in dem bald beginnenden neuen Jahrgang unserer Zeitschrift Statt finden. Der Herr Verfasser ist wieder auf Reisen.« – Deutscher Hausschatz, 9. Jg., Nr. 50, September 1883.
   »An mehrere Abonnenten. Dr. K. May ist wieder auf der Rückkehr nach Deutschland begriffen. Die Fortsetzung der Reiseabenteuer wird nun nicht mehr lange auf sich warten lassen.« – Deutscher Hausschatz, 10. Jg., Nr. 12, Dezember 1883.
Hohenstein,
Am Markt 2

Dresden-Blasewitz,
Sommerstr. 7

1884 Vermutlich Anfang April zieht May mit seiner Frau Emma in die Prinzenstraße 4. Mit dem Ende des Waldröschens startet im August ein weiterer Kolportageroman für Münchmeyer: Der verlorne Sohn oder der Fürst des Elends. Die Arbeiten für den ›Deutschen Hausschatz‹ geraten ins Stocken. Der letzte Ritt, Teil des Orientzyklus, wird ab Mitte Dezember für ein halbes Jahr unterbrochen; Leser und Redaktion sind verärgert. Dresden-Blasewitz,
Sommerstr. 7

Dresden-Altstadt,
Prinzenstr. 4

1885 15 April: Mays Mutter stirbt an einer Geschwulst, vermutlich Krebs. Etwa einen Monat später erleidet Mays Vater einen Schlaganfall. Manuskriptlieferungen bleiben durch diese Schicksalsschläge aus. Die Liebe des Ulanen ist vier Wochen ohne Fortsetzung. Als Notlösung gelangen Teile des verlornen Sohns unter dem Titel Ulane und Zouave als Fragment in den ›Deutschen Wanderer‹. Im Juni hat sich Mays Psyche soweit erholt, dass er weiter schreiben kann; er setzt sogar im Sommer für einige Monate seinen Orientzyklus fort. Sein Ulanen-Roman endet im Oktober. Weihnachten startet sein vierter Münchmeyer-Roman Deutsche Herzen, deutsche Helden. Dresden-Altstadt,
Prinzenstr. 4
1886 27. Februar: Mays ehemaliger katholischer Anstaltslehrer Kochta stirbt.
   Ende Juli endet Mays verlorner Sohn. Um gleich den Nachfolgeroman veröffentlichen zu können, waren etwa Mitte Juni ca. 50 Manuskriptseiten für den Roman Delila entstanden. Ziemlich zeitgleich starb unter mysteriösen Umständen am 13. Juni König Ludwig II. von Bayern – für Kolportage-Verleger eine Sensationsnachricht. May bricht deshalb Delila ab (blieb Fragment) und schreibt einen Roman über den Märchenkönig: Der Weg zum Glück. Es sollte sein letzter Münchmeyer-Roman werden. Zum Jahresende beginnt er mit der Jugenderzählung Der Sohn des Bärenjägers für den Stuttgarter Spemann-Verlag.
Dresden-Altstadt,
Prinzenstr. 4
1887

8. Januar: Die Knabenzeitschrift ›Der Gute Kamerad‹ startet mit Mays Sohn des Bärenjägers. Währenddessen bekommt Münchmeyer Probleme, seine Lieferungshefte pünktlich erscheinen zu lassen:

»Mein lieber Doktor!
Ich erwartete Sie am Sonnabend mit einer großen Ladung Manuscripte, aber leider vergebens. Ich bin dadurch aufgeregt und besorgt geworden, denn es ist für mich eine Frage meiner Existenz.
Sobald Sie mir nicht genügend und nicht pünktlich liefern, verliere ich meine mühsam erworbenen Abonnenten, die mich soviel Geld kosten.
Halten Sie sich doch einen Stenographen! Wenn Sie eine Nacht durch diktieren, haben Sie für 4 – 5 Hefte Manuscripte auf das Papier gebannt und mir ist geholfen.
Ich habe Ihnen fast jeden Wunsch erfüllt und bitte deshalb mir jetzt auch meinen Wunsch zu erfüllen.
Ich bitte, bringen Sie mir morgen Glück und dann Helden diese geben zirka 66 Hefte.
Ich begrüße Sie und zeichne achtungsvoll H. G. Münchmeyer
Dresden, d. 21. II. 87«

Etwa Anfang April: Umzug in die Schnorrstraße 31. Mitte August beginnt May mit der Niederschrift von Durch das Land der Skipetaren; diese Reiserzählung bildet den Abschluss des Orientzyklus im ›Deutschen Hausschatz‹.

Dresden-Altstadt,
Prinzenstr. 4

Schnorrstr. 31

1888

Anfang Januar endet der Münchmeyer-Roman Deutsche Herzen, Deutsche Helden. May gönnt sich keine Pause – er schreibt seine Jugenderzählung Der Geist der Llano estakata. Mitte Januar beginnt der ›Hausschatzmit dem Abdruck der Skipetaren-Reiseerzählung. Anfang Februar startet Der Geist der Llano … im ›Guten Kameraden‹.
   Am 6. September stirbt nach langer Krankheit Mays Vater.
Redaktionswechsel beim ›Deutschen Hauschatz‹ in Regensburg: Dem May wohlgesonnenen Venanz Müller folgt Heinrich Keiter – ein Redakteur mit eigenen schriftstellerischen Ambitionen:

»Heiß wogt unter unseren Lesern der Kampf um die Romane des Reiseerzählers Carl May. Während der eine Theil in fulminanten Zuschriften bei der Redaktion sich beklagt, daß die Romane einen so großen Raum einnehmen, der viel kostbarer verwendet werden könne, verlangt der andere in nicht minder bestimmten Ausdrücken, daß sofort im neuen Jahrgang wieder mit einer Erzählung von Carl May begonnen werde. Da ist die Redaktion denn doch gezwungen, den goldenen Mittelweg einzuschlagen, um beiden Theilen gerecht zu werden.«

1. Oktober: Umzug von Dresden nach Kötzschenbroda in die Villa Idylle, Schützenstraße 6.
   12. Oktober: May trägt sich in das Einwohnermelderegister als »Dr. phil. Karl May, Schriftsteller« ein.
Weitere Veröffentlichungen in diesem Jahr: Kong-Kheou, das Ehrenwort sowie Der Scout.

Dresden-Altstadt,
Schnorrstr. 31

Kötzschenbroda,
Schützenstr. 6
Villa Idylle

1889 Vermutlich im Frühjahr lernen Karl und Emma May das Ehepaar Plöhn kennen. Richard Plöhn, Besitzer einer Verbandstoff-Fabrik, wird Mays bester Freund, und Plöhns Frau Klara – in den nächsten Jahren Emmas Busenfreundin – wird noch eine wichtigere Rolle in Mays Leben spielen. Karl May verfasst in diesem arbeitsreichen Jahr ca. 3770 Manuskriptseiten!
   Veröffentlichungen: Die Sklavenkarawane, Im Mistake-Cannon, Sklavenrache, Lopez Jordan.
Kötzschenbroda,
Schützenstr. 6
Villa Idylle
1890 14. Januar: Mays Vermieterin reicht beim Amtsgericht Dresden Zahlungsklage wegen Mietsäumnis ein. Die fällige Quartalsmiete (200 Mark) für die teure Villa Idylle muss May trotz seines Schreibfleißes schuldig bleiben. Sein Dienstmädchen muss er am 19. März entlassen.
   Vermutlich Anfang April: Umzug nach Niederlößnitz, Lößnitzstraße 11.
Wichtige Veröffentlichungen: Christus oder Muhammed, Der Schatz im Silbersee, Der Schatz der Inkas.
   Ende Oktober erscheint die Buchausgabe Der Sohn des Bärenjägers, laut Titelblatt Die Helden des Westens (im Band inklusive Der Geist des Llano estakado), in der Stuttgarter ›Union Deutsche Verlagsanstalt‹.
Niederlößnitz,
Lößnitzstr. 11
1891

8. April: Umzug nach Oberlößnitz in die Villa Agnes, Nizzastraße 13.
 
 
Emma und Karl May

   28. Mai: »… erwachte die Frau des Dr. May durch ein Geräusch im Parterre. Sie weckte ihren Mann, der sich sofort nach unten begab, wo er zu seiner Überraschung … sämmtliche Schränke und Kommoden geöffnet und deren Inhalt zum Theil auf dem Boden verstreut fand. Außerdem hatte der Einbrecher eine Axt auf das Bett gelegt. Von dem Diebe, der nach Aufbrechen eines Fensterladens und Zerbrechen mehrerer Fensterscheiben in das Zimmer gedrungen, war nichts mehr zu bemerken …« [Kötzschenbrodaer Zeitung vom 30. Mai]
   Im Spätsommer verhandelt der Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld aus Freiburg im Breisgau mit May über die Herausgabe der Hausschatz-Erzählungen als Buchausgabe – ein historischer Moment.

Im lieben, schönen Lößnitzgrund
Da saßen Zwei selbander;
Die schlossen einen Freundschaftsbund,
Gehn niemals auseinander.
Der Eine schickt Romane ein,
Der Andre läßt sie drucken,
Und's Ende wird vom Liede sein:
's wird Beiden herrlich glucken!
[Karl May an Friedrich Ernst Fehsenfeld]

November: Karl und Emma May nehmen die neunjährige Nichte Clara (»Lottel«) Selbmann als Tochter zu sich.
   Wichtige Zeitschriftenveröffentlichungen: Das Vermächtnis des Inka (Kamerad), Der Mahdi (Hausschatz).

Niederlößnitz,
Lößnitzstr. 11

Oberlößnitz,
Nizzastraße 13
Villa Agnes

1892 6. April: Der Kolporteur H. G. Münchmeyer stirbt an fortgeschrittener Lungenschwindsucht in Davos (Schweiz).
   10. Mai: Der erste Band der Fehsenfeld-Reihe Durch Wüste und Harem (In den Nachauflagen Durch die Wüste ) erscheint. Es folgen Durchs wilde Kurdistan, Von Bagdad nach Stambul, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der Skipetaren, Der Schut. Karl May wird ein wohlhabender Mann.

Karl May

   Im Sommer verkehrt Emma heimlich mit Offizieren. Mays Nichte Lottel erzählt alles ihrem Onkel. Es kommt zum Ehestreit. Ein weiteres Zusammenleben Emmas mit Mays Nichte ist unmöglich. Im August wird Lottel von ihrer Mutter, Mays Schwester Karoline, heimgebracht.

   Ab September beginnt der ›Hausschatz‹ mit dem 2. Teil des Mahdi. Als Union-Buchausgabe erscheint im Oktober Kong-Kheou, das Ehrenwort unter dem Titel Der blau-rote Methusalem.
Oberlößnitz,
Nizzastraße 13
Villa Agnes
1893

Juni: Karl und Emma May reisen in den Schwarzwald. Anschließend besuchen sie das Verlegerehepaar Fehsenfeld; gemeinsam geht es in die Schweiz nach Bönigen am Brienzer See. Am 17. September schreibt May seinem Verleger Fehsenfeld:

Ihr Zorn ist gerechtfertigt, doch bin ich nicht so sehr schuldig, wie Sie denken. Der Hauptgrund, daß ich nichts fertig brachte, ist meine gegenwärtige gegen früher hochgradig gesteigerte Nervosität, auf welche meine Frau nicht die mindeste Rücksicht nimmt, und dann ein familiärer, über den ich nicht schreiben kann. Meine Frau ist seit der unglückseligen Reise eine ganz andere geworden. … Ich bin infolge häuslicher Zerwürfnisse jetzt immer so niedergeschlagen, daß ich oft nach der Wand über meinem Schreibtisch sehe, wo der geladene Revolver hängt. Man bedarf doch der Ruhe, so oder so!

Am 26. November schreibt May an Fehsenfeld, dass er wegen seines Augenleidens »kürzlich zweimal in Leipzig« gewesen sei.
   Buchausgaben bei Fehsenfeld: Winnetou der Rote Gentlemen (3 Bände, der Zusatz: »der Rote Gentlemen« fällt später weg), Orangen und Datteln. Wichtige Zeitschriftenveröffentlichungen: Der Oelprinz, Die Felsenburg (später Satan und Ischariot I ). Und eine weitere Buchausgabe bei der Union: Die Sklavenkarawane.

Oberlößnitz,
Nizzastraße 13
Villa Agnes
1894 März: May leidet an Influenza mit Rippenfellentzündung. Auch seine Augen machen ihm zu schaffen. Anfang Mai fährt er mit Emma zur Erholung in den Harz. Sein Gesundheitszustand ist nicht gut, weshalb er sich eines Schreibers bedienen muss. (May in einem Brief an Fehsenfeld vom 9. Mai)
   Vermutlich im Sommer schreibt May über sich als ›Old Shatterhand‹ folgende Passage für Old Surehand I:
Ich wurde als ein krankes, schwaches Kind geboren, welches noch im Alter von sechs Jahren auf dem Boden rutschte, ohne stehen oder laufen zu können … Ich bin dreimal blind gewesen … [S. 411f.]
Dies ist wohl eine kleine dichterische Übertreibung, aber hierin mag sich Mays Angst vor einer erneuten Erblindung widerspiegeln.
   Ab September erscheint im ›Deutschen Hausschatz‹ Krüger Bei (später Satan und Ischariot II); dort erfahren die Leser um Weihnachten von einem Winnetou-Besuch beim Dresdner Gesangsverein! Ein 440 Manuskriptseiten umfassendes Kapitel In der Heimath wird von Heinrich Keiter gestrichen.
   Oktober: Im Hause der Verlegerwitwe Münchmeyer verlangt May die längst fällige Abrechnung seiner fünf Münchmeyer-Romane. Später erhält er einen Satz gebundener Exemplare seiner Lieferungsausgaben. Die Originalmanuskripte der Münchmeyer-Romane sind nicht mehr vorhanden, ihre Vernichtung war durchaus branchenüblich.
   27. November: Pauline Münchmeyer bittet um einen neuen Roman, womöglich soll Delila (1886) fortgeführt werden. May lehnt ab.
   Fehsenfeld-Buchausgaben: Am Stillen Ocean, Am Rio de la Plata, In den Cordilleren, Old Surehand I.
Weitere Buchausgaben: Die Rose von Kairwan (Wehberg, Osnabrück), Der Schatz im Silbersee (Union).
Oberlößnitz,
Nizzastraße 13
Villa Agnes
1895 In diesem Jahr besucht der in Lawrence / USA lebende Ferdinand Pfefferkorn mit seiner Frau den einstigen Schulfreund Karl May. Die Pfefferkorns sind dem Spiritismus sehr zugetan. Im Hause Mays werden Séancen abgehalten, wobei mit sehr großer Wahrscheinlichkeit das befreundete Ehepaar Plöhn anwesend ist.
   23. Dezember: Kauf einer neuen Villa! [für 37300 Mark] Gestern Umzug und neue Einrichtung! Tag und Nacht Manuscript schreiben! [May an Carl Felber]
   30. Dezember: Der offizielle Kaufvertrag für die Villa »Shatterhand.« in Radebeul, Kirchstraße 5 (heute Karl-May-Straße 5), wird unterzeichnet.
   Buchausgaben: Old Surehand II (Fehsenfeld), Das Vermächtnis des Inka (Union).

Villa Shatterhand

Oberlößnitz,
Nizzastraße 13
Villa Agnes
1896

März/April: Karl May erhält die vom Dresdner Büchsenmacher Max Fuchs im Auftrag hergestellte Silberbüchse und den Bärentöter. Er will damit die Echtheit seiner Reisen dokumentieren, um gleichzeitig innerlich seine traurige Vergangenheit zu vergessen. May vermarktet sich gekonnt, wie ein moderner Showstar.

Old Shatterhand Kara Ben Nemsi

   Ostern: Der Amateurphotograph Alois Schießer, aus Linz angereist, macht 101 Kostümaufnahmen mit Karl May als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi. Die Old-Shatterhand-Legende strebt spektakulär ihrem Höhepunkt zu; es bilden sich zahlreiche Karl-May-Klubs.
   Im Sommer, vermutlich im Juli, besucht Heinrich Keiter den Erfolgsschriftsteller. Er entschuldigt sich persönlich für die Streichung des Heimath-Kapitels in Krüger Bei, nachdem May zuvor erklärt hatte, er würde den ›Deutschen Hausschatz‹ nicht mehr beliefern. Ende September erscheint dann im ›Hausschatz‹ Mays Freuden und Leiden eines Vielgelesenen:

Die Nacht, oft zwei, drei Nächte hintereinander, ohne dann am Tage schlafen zu können, ist überhaupt meine Arbeitszeit, der vielen Besuchern wegen, welche täglich kommen, um »ihren« Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi Effendi persönlich kennen zu lernen. 

May im Pavillon

Im ›Guten Kameraden‹ wird ab September Mays letzter Jugendroman Der schwarze Mustang abgedruckt.
   Buchausgaben bei Fehsenfeld: Der Mahdi (3 Bände), Old Surehand III, Satan und Ischariot I–III.

Radebeul,
Kirchstraße 5
Villa »Shatterhand.«

Heute
Karl-May-Museum

1897

26. Januar: »Herr Keiter, der sich für die Folge jedes literarischen Eingriffs in Ihre Manuskripte enthalten wird, beginnt im 8ten Heft des ›Hausschatz‹ mit Ihrer neuen so sehnlich erwarteten Reiseerzählung ›Im Reiche des silbernen Löwen‹ … Hoffentlich erfreuen Sie uns recht bald mit der Fortsetzung des hochinteressanten Manuskripts.« [Friedrich Pustet jun. an Karl May]
   Vermutlich im Frühjahr komponiert Karl May zum Winnetou-Sterbegebet Ave Maria eine Partitur. Von Mai bis Juli reisen Karl und Emma May durch Deutschland und Österreich. Die Stationen sind u.a.: Leipzig, Hamburg, Deidesheim (dort besuchen sie die Familie des befreundeten Weingutbesitzers Seyler), Stuttgart, Bodensee, Innsbruck, Achensee, München, Regensburg, Böhmen. Der Aufenthalt in München gerät zum Höhepunkt der Publicity-Tour:

Erster Tag über 900 Besuche, zweiter Tag über 600, dritter wieder 800. Bin gegen Abend zur Seitenthüre hinaus und entflohen. Dann standen die Gymnasiasten, um Autogramme zu erjagen, in solchen Massen vor dem Hotel, daß die Tramway nicht hindurch konnte und sie mit dem Schlauch auseinandergespritzt werden mußten. Tatsache! [Brief an Fehsenfeld vom 27. Juli]

Buchausgaben: Auf fremden Pfaden, Weihnacht (Fehsenfeld) Der Oelprinz (Union).

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1898 22. Februar: Ihre Kaiserliche Hoheit Erzherzogin Maria Therese empfängt Karl May.
   6. Mai: In Gartow (Niedersachsen) wird May von zwei Polizeibeamten festgesetzt; er darf sein Hotelzimmer nicht verlassen. Man hält ihn für einen Hochstapler, weil er für die kleinsten Dienstleistungen reichliche Trinkgelder gibt. Aus Radebeul kommt schließlich die Nachricht: »Karl May hier wohnhaft, übt sehr gern Wohltätigkeit.«
   Am 30. August stirbt Heinrich Keiter; sein Nachfolger als Redakteur des ›Deutschen Hausschatzes‹ wird Dr. Otto Denk. In dieser Zeit kommt es für neun Jahre zum Bruch mit dem Wochenblatt; es bildet sich eine katholische Opposition gegen May.
   Buchausgaben bei Fehsenfeld: Im Reiche des silbernen Löwen I–II. Ferner erscheinen Ernste Klänge, ein Heft mit den beiden May-Partituren Ave Maria und Vergiß mich nicht!
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1899 In den Monaten Januar bis März stellt May seinen Roman Am Jenseits fertig; er befindet sich auf dem besten Weg zur Hochliteratur. Lesen Sie die Correcturen von Band 25? Ja? Dann werden Sie gemerkt haben, daß Karl May jetzt beginnt, mit seinen eigentlichen Absichten herauszurücken. Es handelt sich um eine wohlvorbereitete, großartige Bewegung auf religiös-ethisch-sozialem Gebiete … Die bisherigen Bände waren nur dazu geschrieben, mir eine möglichst große Zahl von Lesern als Arbeitsfeld zu schaffen. [May an Fehsenfeld, 13. März]
   16. März: Pauline Münchmeyer verkauft ihren Verlag an Adalbert Fischer, der sich besonders für Mays Kolportage-Romane interessiert.
   26. März: Abreise in den Orient. Wichtige Stationen: Genua (4. April – Abschied von Emma und dem Ehepaar Plöhn aus gesundheitlichen Gründen), Port Said (9. April), Kairo (30. April – dort engagiert May etwas später den arabischen Diener Sejd Hassan), Beirut (26. Juni), Haifa (18. Juli), Jerusalem (30. Juli), Jaffa (21. August – 2. September), Aden/Südarabien (15. September). Es haben mich viele auf dem Schiff [Gera] lieb gewonnen, obgleich ich jetzt das gerade Gegentheil vom früheren Karl bin. Der ist mit großer Ceremonie von mir in das rothe Meer versenkt worden, mit Schiffssteinkohlen, die ihn auf den Grund gezogen haben … [Brief an Plöhns vom 16. September]
   10. November: Ankunft in Pandang auf Sumatra. May leidet an Gefühlsausbrüchen, verweigert sämtliche Nahrung und soll sich wie ein Irrsinniger benehmen – möglicherweise leidet er nur an der Ruhr. Genaues ist nicht bekannt. Dieser Zustand dauert etwa eine Woche an.
   22. November: May schickt von Padang eine Depesche nach Radebeul; er fordert Emma auf, mit den Plöhns nach Port Said zu kommen. 11. Dezember: May muss wegen Krankheit und Pestverdacht in Quartäne. Am 18. Dezember darf er Port Said verlassen. Sein Freund Richard Plöhn, der an der Brightschen Nierenkrankheit leidet, befindet sich inzwischen schwer krank mit Klara und Emma in Arenzano (20 km westlich von Genua). May erfährt ihren Aufenthaltsort und reist dorthin.
   In Deutschland haben inzwischen heftige Presseangriffe gegen May eingesetzt: Insbesondere Dr. Fedor Mamroth (Frankfurter Zeitung) und Hermann Cardauns (Kölnische Volkszeitung) kritisieren Mays Selbstreklame und die damit verbundene Old-Shatterhand-Legende. Die Auseinandersetzung, die zunächst einigermaßen sachlich beginnt, wird in den folgenden Jahren polemisch, geradezu bösartig: eine Hetzjagd beginnt.
   Buchausgaben: Am Jenseits (Fehsenfeld), Der schwarze Mustang (Union).
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1900 Bis zum 14. März bleiben Karl und Emma May sowie Richard und Klara Plöhn in Arenzano; dann geht es u.a. nach Pisa, Rom, Neapel, Port Said, Kairo, Gizeh, Jaffa, Jerusalem, Hebron, Jericho, Tiberias, Nazareth, Haifa, Libanon, Baalbek, Damaskus und Zypern.

Ehepaare May und Plöhn

   In Istanbul leidet May erneut an Gefühlsausbrüchen. Klara Plöhn befürchtet, »man müsse ihn einer Irrenanstalt zuführen«! Mays spätere Ehefrau hatte offensichtlich ein Gespür für farbige Beschreibungen und mag hier etwas übertrieben haben.

   Den Abschluss der Reise bilden: Korinth, Bologna, Athen, Korfu, Venedig und Bozen.
   25. März: Der Münchmeyer-Nachfolger Adalbert Fischer missachtet Mays Urheberrechte und bringt Die Liebe des Ulanen neu heraus. Die anderen vier Münchmeyer-Romane sollen bald folgen, teilweise in einer Bearbeitung des Schriftstellers Paul Staberow.
   17. Juni: May nimmt in Beirut wehmütigen Abschied von seinem Diener Sejd Hassan.
   31. Juli: Ankunft in Radebeul, nach 15 Monaten Abwesenheit. Karl May ist ein anderer Mensch geworden – die Old-Shatterhand-Legende ist tot. Allein Menschenliebe und Aussöhnung der Völker sind fortan seine großen Ideale; auch im Privatleben gibt es eine Zäsur: die Sinnlichkeit Emmas vermag ihn nicht mehr zu fesseln.
   Alle meine bisherigen Bände sind nur Einleitung, nur Vorbereitung. Was ich eigentlich will, weiß außer mir kein Mensch … Ich trete erst jetzt an meine eigentliche Aufgabe …
[Brief Mays an seinen Verleger Fehsenfeld vom 10. September]
   Zum Weihnachtsfest erscheint Mays Gedichtband Himmelsgedanken.
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1901 14. Februar: Mays Freund Richard Plöhn stirbt an seinem Nierenleiden. Seine Frau Klara ist erschüttert; sie ist jetzt Dauergast in der Villa »Shatterhand.«
   Für Joseph Kürschners Sammelwerk ›China. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg.‹ schreibt Karl May den pazifistischen Roman Et in terra pax. Der ›China‹-Band erscheint in sehr prunkvoller Ausstattung und soll den Sieg der verbündeten Mächte im Chinesischen Boxeraufstand verherrlichen. Der Herausgeber erwartet von May eine heldenhafte Reiseerzählung und ist stattdessen über den pazifistischen Inhalt verärgert. Da das Manuskript vom Autor in mehreren Postsendungen abgegeben wird, bemerkt Kürschner nicht sofort das ›Kuckucksei‹, fordert dann aber eine Änderung, die May verweigert, letztlich verlangt er den vorzeitigen Abschluss der Erzählung. Der Herausgeber entschuldigt sich im Vorwort bei seinen Lesern: »Karl Mays Reiseerzählung [...] hat einen etwas anderen Inhalt und Hintergrund erhalten, als ich geplant und erwartet hatte«. – Mit voller Absicht hat Karl May die imperialistische Tendenz des hurrapatriotischen Werks konterkariert: »Mit dieser Art von Gong habe ich nichts zu tun!«
   Ende September reist May mit Emma und Klara in die Schweiz zum Vierwaldstätter See. Im Herbst verfasst er als Antwort auf die polemischen Presseangriffe die anonyme Broschüre »Karl May als Erzieher« und »Die Wahrheit über Karl May«
  
10. Dezember: May verklagt Adalbert Fischer wegen unbefugten Nachdrucks seiner Münchmeyer-Romane.
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1902

Zu Beginn des Jahres hält der Kölner Redakteur Hermann Cardauns mehrere Anti-May-Vorträge, in denen er Mays Münchmeyer-Romane als »abgrundtief unsittlich« bezeichnet.
   10. März: Karl May verklagt gegen den Willen seiner Frau Emma ihre Intimfreundin Pauline Münchmeyer. Am 16. März beantragt Mays Rechtsanwalt Rudolf Bernstein, die Beklagte Pauline Münchmeyer wie folgt zu verurteilen:

  • zur Rechnungslegung über die Anzahl der Exemplare, die von Mays Werken bis zum 16. März 1899 von der Fa. Münchmeyer gedruckt und verbreitet worden waren
  • zur Rechnungslegung über den erzielten Reingewinn und
  • zur Zahlung einer Gratifikation, falls mehr als 20 000 Exemplare gedruckt worden seien.

Im Sommer reisen Karl May, Emma und Klara über Berlin, Hamburg, Leipzig und München nach Bozen und schließlich zur Mendel. Im Hotel Penegal endet am 21. August die Ehe Karl Mays mit Emmas Worten: »Nimm Du den Kerl, ich mag ihn nicht mehr!« Die näheren Umstände, die schließlich zur Scheidung führten, sind bislang nicht zufriedenstellend erforscht. Man darf annehmen, dass sich der Umgang mit Emma bedingt durch ihre Wechseljahre ungemein schwierig gestaltete; auch sind Anzeichen zunehmender geistiger Verwirrung nicht ausgeschlossen (Emma starb am 13. Dezember 1917 in einer Heilanstalt). Dabei neigte sie offensichtlich zu Wutausbrüchen, die sich gegen Karl May richteten und den Fortbestand der Ehe unmöglich machten. Fraglos nutzte Klara Plöhn nur all zu gern die Gunst der Stunde. Letztlich fanden sich aber in Karl und Klara zwei Menschen, die besser zueinander passten.
   29. August: Emma May unterschreibt die Scheidungseinwilligung.
   10. September: May reicht in Radebeul die Scheidungsklage ein.
   Fehsenfeld-Buchausgabe: Im Reiche des silbernen Löwen III.

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1903 14. Januar: Die Ehe Mays wird geschieden
   4. März: Die Ehescheidung wird rechtskräftig.
   30. März: Standesamtliche Trauung von Karl May und Klara Plöhn. Einen Tag später erfolgt die kirchliche Trauung in der Lutherkirche zu Radebeul.
   25. Mai: Bei Adalbert Fischer erscheinen Mays Erzgebirgische Dorfgeschichten.
   3. November: Emma erhält von May eine Jahresrente von 3000 Mark; dafür muss sie mindestens 100 km von Dresden entfernt wohnen – sie zieht nach Weimar.
   Anfang November gelingt es dem Münchmeyer-Anwalt Dr. Gerlach, die Beiziehung von Mays Strafakten zu veranlassen. Die Folgen stellen sich am 8. November ein. May ist schwer erkrankt: hohes Fieber mit Herzschwäche.
   Fehsenfeld-Buchausgabe: Im Reiche des silbernen Löwen IV.
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1904 8. März: Karl und Klara May besuchen in Meißen den Maler Sascha Schneider. Er soll sämtliche Fehsenfeld-Bände mit anderen Titelbildern versehen, um insbesondere den künstlerischen, pazifistischen Wert seiner Werke zu betonen – eine deutliche Abkehr vom so genannten ›Jugendschriftsteller‹.

Karl und Klara May

   Mitte September erscheint
Et in terra pax in der Fehsenfeld-Buchausgabe erweitert unter dem Titel Und Friede auf Erden!
   26. September: Pauline Münchmeyer wird zur Rechnungslegung verurteilt, sobald Karl May den Parteieneid leistet.
   Weihnachten: Aus Rache für ein nicht bewilligtes Darlehen, das der skrupellose Pressebandit Rudolf Lebius von May zu erhalten suchte, prangen an den Schaufenstern der Dresdner Buchhändlerläden große Plakate, auf denen in weithin sichtbarer, rotfarbiger Riesenschrift die Ankündigung »Die Vorstrafen Karl Mays« zu lesen ist.
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1905 Im Frühjahr erscheint als Privatdruck Mays Prozessschrift Ein Schundverlag. Dort berichtet er über seine Zeit bei Heinrich Münchmeyer. 1909 wird der Privatdruck Ein Schundverlag und seine Helfershelfer folgen.
   Am 3. Oktober wird eine Beleidigungsklage Mays gegen Lebius vor dem Dresdner Landgericht verhandelt. Durch einen taktischen Fehler des May-Anwalts Klotz kommt es zur Verlesung des Vorstrafenregisters von Karl May.
   Im selben Monat besucht May in Dresden einen Vortrag der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843–1914), zwischen beiden entwickelt sich eine tiefe Seelenfreundschaft.
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1906 5. Februar: Karl May gewinnt den Münchmeyer-Prozess in 2. Instanz.
   30. Juni: Rudolf Lebius unterstellt May verbrecherische Erbschäden.
   1. September: Mays Drama Babel und Bibel. Arabische Fantasia in zwei Akten erscheint bei Fehsenfeld in einer Auflage von 1200 Exemplaren.
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1907

9. Januar: May gewinnt vor dem Reichsgericht in Leipzig den Münchmeyer-Prozess in dritter Instanz. Über die Höhe der Entschädigungssumme muss noch entschieden werden. Mays Rechtsanwalt Rudolf Netcke beziffert den unerlaubten Gewinn allein beim Waldröschen auf 250.000 Mark! Am 11. Februar leistete May folgenden Eid:

Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden
1. Ich habe mit dem verstorbenen Heinrich Gotthold Münchmeyer 1882, nachdem ich ihn am Tage zuvor zufällig in einer Schankwirtschaft in Dresden getroffen habe und ihm zugesichert hatte, einen Roman für ihn zu schreiben, bezüglich des WALDRÖSCHENS folgende Bedingungen vereinbart:
Der Roman solle unter falschem Namen erscheinen und er solle nur bis zu 20 000 Exemplaren gedruckt und verbreitet werden. Als Vergütung solle ich für jede Nummer 35 Mark und außerdem, sobald die zulässige Höchstzahl von Exemplaren umgesetzt sei, noch eine feine Gratifikation empfangen.
Im übrigen solle ich die freie Verfügung über den Roman, insbesonders auch durch jederzeit zulässige Aufnahme in meine gesamten Werke, behalten.
2. Diese Bedingungen sind dann später auf die Romane DEUTSCHE HERZEN UND HELDEN, DER VERLORENE SOHN und DER WEG ZUM GLÜCK übertragen worden, jedoch mit der Maßgabe, daß die Vergütung für jede Nummer der betreffenden Romane nicht bloß 35, sondern 50 Mark betragen solle.
3. Betreffs des Romans DIE LIEBE DES ULANEN habe ich 1883 mit Münchmeyer vereinbart, daß ich ihm diesen nur zum einmaligen Abdruck im Jahrgang 1884 des »Deutschen Wanderer« überlassen solle.
4. Desgleichen habe ich mit Münchmeyern 1875 und 1884 die sechs Erzählungen AUS DER MAPPE EINES VIELGEREISTEN (INN-NU-WOH und OLD FIREHAND), EIN STÜCKLEIN VOM ALTEN DESSAUER, DIE FASTNACHTSNARREN, UNTER WERBERN, DER GITANO und DIE POLIN
[WANDA]   nur zum einmaligen Abdruck für je einen Jahrgang seiner Zeitschriften überlassen.
5. Dagegen habe ich mit Münchmeyern bezüglich meiner unter 1- 4 angeführten Werke nicht vereinbart, daß er an diesen gegen einmalige Vergütung in sofortiger Barzahlung das unbeschränkte Verlagsrecht erwerben solle.
So wahr mir Gott helfe.

7. April: Der Münchmeyer-Nachfolger Adalbert Fischer stirbt. Am 15. April 1907 erstattet der Münchmeyer-Anwalt Dr. Gerlach gegen May und dessen Mitstreiter Anzeige wegen Meineides. Der Vorwurf erweist sich als haltlos.
   8. Oktober: Die Erben des Verlegers Fischer erklären in einem Vergleich, »dass die im Verlage der Firma H. G. Münchmeyer erschienenen Romane des Schriftstellers Karl May im Laufe der Zeit durch Einschiebungen und Abänderungen von dritter Hand eine derartige Veränderung erlitten haben, dass sie in ihrer jetzigen Form nicht mehr als von Herrn Karl May verfasst gelten können.« Die berühmt-berüchtigten fünf Münchmeyer-Romane lösen sich vom Autorennamen Karl May und dürfen fortan lediglich anonym gedruckt werden.

Münchmeyers Nachfolger … hat derartige Umgestaltungen ausführen lassen, dass sich zwischen der alten und seiner neuen Ausgabe ein Unterschied von hunderten von Seiten ergibt. Das ist doch geradezu grässlich! Wenn irgend ein Mensch es wagte, das Gemälde eines Malers beschneiden und überpinseln oder die Statue eines Bildners behacken und bemeiseln zu lassen und diese Verballhornisierungen als Originalwerke der betreffenden Erzeuger zu verkaufen, so würde sich die gesamte Presse des Geschädigten annehmen und den Fälscher derartig brandmarken, dass er sich nicht wieder sehen lassen könnte. [Karl May: Ein Schundverlag, S. 852f.]

13. September: Es kommt zu einer Begegnung mit dem Hausschatz-Redakteur Otto Denk. Nach neun Jahren Pause ist May jetzt bereit, wieder für den ›Deutschen Hausschatz‹ zu schreiben. Umgehend beginnt er mit der Niederschrift von Der 'Mir von Dschinnistan. Damit – wie schon mit den Schlussbänden des Silbernen Löwen – schafft er den Sprung zur Hochliteratur. Bei den Lesern des ›Hausschatzes‹, die spannende Reiseerzählungen im alten Stil erwarten, findet dieser Roman wenig Anklang.
   Ende des Jahres verfasst May Frau Pollmer, eine psychologische Studie, in der er sich vergeblich von seiner ersten Frau freizuschreiben sucht. Dieser Text bleibt zu Mays Lebzeiten ungedruckt. Ab Oktober erscheint in der Regensburger Zeitschrift ›Efeuranken‹ die Reiseerzählung Schamah.

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1908 8. März: In einem Testament verfügt May die Errichtung einer mildtätigen Stiftung.
   23. März bis 23. April: Im ›Grazer Volksblatt‹ erscheint Abdahn Effendi.
   Der Anthropologe und Sexualforscher F. S. Krauss besucht May und nennt ihn ›einen Segen für die Menschheit‹.
   In diesem Jahr unternimmt Karl May mit seiner Klara die erste und einzige Amerikareise. Die Stationen: Bremen (5. September), New York (16. September), Albany (22./23. September), Buffalo (Ende September), Niagara-Falls (Anfang Oktober), Lawrence/Massachusetts beim Schulfreund Pfefferkorn (Oktober), Boston und New York (November).

May in Amerika

Am 4. November sind die Mays vermutlich wieder in Radebeul. Anfang Dezember befinden sie sich kurze Zeit in London.
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1909  31. Juli: Mays Merhameh erscheint im ›Eichsfelder Marienkalender 1910‹
   September: Dr. Adolf Droop publiziert die Studie: »Karl May. Eine Analyse seiner Reise-Erzählungen«.
   22. November: Rudolf Lebius schreibt der Emma-Freundin und Kammersängerin Selma vom Scheidt, dass er Karl May »für einen geborenen Verbrecher hält«.
   17. Dezember: Karl May reicht wegen dieses Briefes beim Schöffengericht Berlin-Charlottenburg eine Beleidigungsklage gegen Lebius ein.
   8. Dezember: May hält in Augsburg den Vortrag Sitara, das Land der Menscheitsseele.
   Fehsenfeld-Buchausgaben: Ardistan und Dschinnistan I und II.
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1910 10. Januar: Karl May stellt einen Strafantrag gegen Rudolf Lebius wegen schlimmster Verleumdungen in dessen Artikel »Hinter den Kulissen« im Wochenjournal ›Der Bund‹ vom 19. Dezember 1909. Lebius hatte behauptet, May sei jahrelang als Räuberhauptmann durch die Wälder gezogen, habe fast täglich Einbrüche begangen, Marktweiber überfallen, seine neunjährige Nichte sexuell missbraucht und den Großvater seiner ersten Frau Emma erwürgt!
   Wegen der vielen Erkrankungen Mays, die wahrscheinlich durch die Rufmord-Kampagnen ausgelöst worden waren und schließlich zum Tod des Dichters führten, sollte es zu einer Hauptverhandlung nicht mehr kommen. Laut Rechtsexperten wäre Lebius im Hauptverfahren mit Gefängnis bestraft worden.
   Am 12. April wird Lebius im Beleidigungsprozeß (Klage vom 17. Dezember 1909) wegen des Briefes an Selma vom Scheidt) zunächst freigesprochen; May geht in die Berufung.
   12. Mai: Ich habe nie geleugnet, daß ich vor fast 50 Jahren mit den Strafgesetzen in Conflict gekommen bin. Das was ich that, würde jetzt vor den Arzt, nicht aber vor den Richter gehören. Meine Gegner wühlen das auf und fügen raffiniert Erlogenes hinzu. Es sind fünf Strafanträge gestellt, aus denen die Wahrheit hervorgehen wird. [May in einem Brief an Peter Rosegger]
   Im August ist Dr. E. A. Schmid für einige Tage Gast in der Villa »Shatterhand.« Nach Mays Tod wird er als Leiter des Karl-May-Verlags durch seinen unermüdlichen Einsatz Mays Ansehen weitgehend wieder herstellen.
   Fehsenfeld-Buchausgaben: Winnetou IV, Mein Leben und Streben. Fast zeitgleich mit Mays Selbstbiographie veröffentlicht Rudolf Lebius »Die Zeugen Karl und Klara May«, – ein Pamphlet übelster Sorte. Wegen gegenseitiger Einsprüche werden sowohl Mays Selbstbiografie als auch das Lebius-Pamphlet nach kurzer Zeit verboten.
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1911 8. Mai: Von Neuem schwer krank, schreibe ich Ihnen heut nur sehr kurz. Ich habe meine Kräfte überschätzt, Lungenentzündung und physische Aufregung bei den Zeugenvernehmungen haben mich ganz kaputt gemacht … Ich muß ins Bad; ich reise schon Donnerstag. [Karl May an den Rechtsanwalt Haubold]
   11. Mai: Abreise nach Joachimsthal. Der Arzt Dr. Gottlieb verordnet Bäder.
   Von Mitte Juni bis Ende Juli verbringen Karl und Klara May einen Erholungsurlaub in Südtirol. Auf der Mendel verschlechtert sich sein Gesundheitszustand erneut.
   18. Dezember: In einer Berufungsverhandlung (Klage vom 17. Dezember 1909) wird Rudolf Lebius wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von 100 Mark verurteilt.
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1912 25. Februar: May feiert seinen siebzigsten Geburtstag.
   Anfang März weilt May zum letzten Mal in Hohenstein-Ernstthal. Dort besucht er seine Schwester Wilhelmine Schöne; deren Enkelin Ilse erhält von ihm zur Einschulung eine Zuckertüte.
   22. März: Karl May hält in Wien auf Einladung des ›Akademischen Verbandes für Literatur und Musik‹ vor fast 3000 Zuhörern seine große Friedensrede Empor ins Reich der Edelmenschen. Unter den Anwesenden befindet sich Bertha von Suttner.
   30. März: Karl May stirbt nach 20 Uhr in seiner Villa »Shatterhand.« – ein großes Herz steht still. Als Todesursache ist eine chronische Blei/Cadmium-Vergiftung in Betracht zu ziehen. Mays Beisetzung erfolgt am 3. April auf dem Radebeul-Serkowitzer Friedhof.

Nachruf Mays Grabmal

                                                                               
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